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Ostern 2005

ANSPRACHE ZU OSTERN
(OSTERSONNTAG, DEN 27. MÄRZ 2005)

Liebe Schwestern und Brüder!

Entsorgen, gut loswerden – ein wichtiges Bedürfnis unserer Zeit. Und wo immer Problemstoffe dabei sind, da muss vor dem Entsorgen gut abgedichtet werden, versiegelt werden, damit nichts entweicht. Entsorgen und abdichten – das sollte der Stein vor dem Grab Jesu sein.

Aber der Stein hatte auch etwas Besonderes – er wurde nämlich noch amtlich versiegelt. Ein letzter bürokratischer Vorgang, um sagen zu können: Entsorgt, versiegelt, abgeschlossen, abgehakt, erledigt.

Das konnten sie, die damals Mächtigen. – Und ich meine, dass wir das heute auch sehr gut können und intensiv betreiben: Entsorgen, versiegeln, loswerden. Ich rede hier nicht von gelben Säcken und Sondermüll. Nein, ich rede von unseren Erfahrungen, unserer geistigen Situation und unseren ganz persönlichen Fragen. Man muss ja schließlich irgendwohin mit den Problemen.

Dabei möchte ich nicht die ganze Litanei der Probleme aufzählen, die wir scheinbar versiegelt irgendwo verstauen.

Ich möchte hier nur vermuten: IRGENDWANN ERWISCHT ES AUCH UNSER HEILIGSTES. IRGENDWANN ERWISCHT ES AUCH GOTT. Theologische Bibliotheken können der Stein sein. Die Sache Jesu kann auch tot geredet oder tot diskutiert werden. Man kann Jesus auch alle Spitzen nehmen, dass keiner mehr Anstoß nimmt an der christlichen Botschaft. So kann man auch den Stein vor das Grab wälzen und versiegeln.

Ich kann es uns nicht ersparen, zuerst wahrzunehmen, dass wir gekillte Hoffnungen im Keller haben, und dass schnöde Vergesslichkeit davor liegt wie der Siegelstein vor dem Grab. Ich fürchte, dass da Jesus mit einbalsamiert ist.

So halte ich hier tiefe Trauer für angebracht, Trauer auch darüber, dass uns das Heiligste faulstichig macht. Dass uns unser Frust das Lob Gottes erdrückt, dass diese Enttäuschung die praktische Hilfe und Brüderlichkeit erlahmen lässt, und den Vorgeschmack der ewigen Seligkeit nimmt.

ABER SIE WERDEN ES NICHT SCHAFFEN. Seien die Steine auch noch so dick, sei die Vergesslichkeit noch so gründlich, seien die Abdichtungen auch noch so modern – DAS HÄLT NICHT.

DER, DEN WIR STÄNDIG ANRUFEN IN UNSERER MITTE, REGT SICH: Aus den Nischen und Grüften, aus den Archiven und Talkshows regt er sich und zwar mit der unbändigen Kraft des Erdbebens der Auferstehung am Ostermorgen. – MIT DIESER KRAFT KANN ER, JA KÖNNEN WIR DANN EINEN WELTBRAND ENTFACHEN. Machen wir uns das bewusst.

Wir erleben Erschütterungen, aber das ist nicht der Untergang. VIELMEHR STÜRZEN MAUERN EIN, WEIL CHRISTUS AUFERSTEHT.
Und den will ich verkünden. Wo immer wir auch stehen. Das Osterlicht leuchtet uns heim, der uns eine Ahnung gegeben hat davon, wo wir hingehören.

Er spricht uns am Friedhof der Hoffnungen, erst einmal durch den ENGEL an. Und dann ruft er uns selbst ruft uns bei unserem Namen. ER spricht uns an mit der Stimme, die nur unser Herz kennt, und in dieser Ansprache leben wir auf.

Was meinen Sie, was noch für Mauern fallen werden, welche Steine ins Rollen kommen! Auch wenn uns vorerst nur vermeldet wird: ER IST NICHT HIER, GEHT VORAUS.

Auch wenn die letzte Begegnung noch aussteht.

Ja – wir dürfen durchatmen, Halleluja singen, wir dürfen uns wundern: DER STEIN IST WEG!

Wir dürfen uns darüber wundern, dass Jesus nicht entsorgt werden kann durch die Kleingeister unserer Welt und unserer Zeit. Ja – das löst Tränen der Freude aus, österliches Lachen, ein Herz, das ihm entgegenfliegt.

CHRISTUS IST AUFERSTANDEN. Leichter gemacht wird das Blei in den Beinen derer, die immer wieder zu den Gräbern gehen müssen.

CHRISTUS IST AUFERSTANDEN. Aufatmen kann, wer unter großen Lasten eingejocht war: Riesenverantwortung, Sorgen, wie es denn weitergehen soll. Versagen, Weltprobleme. Was für Lasten!

CHRISTUS IST AUFERSTANDEN. Der Stein ist weg. Wir sind frei und haben Luft und Liebe, heute zu sagen: Wir hoffen erst recht!

CHRISTUS IST AUFERSTANDEN. Geht voraus nach Galiläa. Geht dorthin, wo ihr herkommt. Er schickt uns in den ganz normalen Alltag. Aber wie hat er uns verändert. Nicht mit spektakulären Sensationen, aber mit einer Frömmigkeit, die beseelt ist, und einer Liebe, die sich nicht entsorgen lässt.

CHRISTUS IST AUFERSTANDEN. Ein Funke in unseren Familien, ein Glanz in unseren Gruppen und Kreisen in der Pfarrgemeinde, ein großes Licht in unseren Gottesdiensten.

CHRISTUS IST AUFERSTANDEN. Neuer Mut macht sich breit, den Kindern und Jugendlichen weiterzugeben: Dieser Jesus ist nicht kaputt zu kriegen. Seine Liebe ist auferstanden und reißt euch mit in ein neues Leben.

Liebe Schwestern und Brüder. Das wünsche ich uns heute. DASS WIR STAUNEN – DER STEIN IST WEG. GOTT PACKT ES – NICHT WIR.
Wir haben es nicht mehr nötig – uns entschuldigen zu müssen für unseren Auferstehungsglauben, alles entsorgen zu müssen, alles gut abdichten zu müssen.

Nein – wir dürfen mit einem neuen Bewusstsein heute von diesem Ostergottesdienst heimgehen. Jesus ist auferstanden und er reißt uns mit in ein neues Leben. Halleluja.

(Pfarrer Rudolf Liebig, Sankt Antonius, Künzell).

Predigt im Druckformat (PDF)

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