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Interview mit dem Papst

Audio-Fassung des gesamten Interviews (rund 13 Minuten, ca. 12 MB im MP3-Format)

RADIO VATIKAN – Interview mit Benedikt XVI – [… D]er Jugend zu begegnen, ist immer etwas Schönes, weil sie voller Probleme – vielleicht – aber auch voller Hoffnung, voller Schwung und Erwartungen ist, weil in ihr die Dynamik der Zukunft steckt, und weil die Begegnung mit ihr auch einen selber dann wieder schwungvoller, freudiger und offener macht. Das sind so eine Reihe von Motiven, die diese Freude bei mir inzwischen verstärkt und nicht etwas vermindert haben. [… I]ch möchte ihnen zeigen, dass es schön ist, ein Christ zu sein, denn es besteht ja weithin die Idee, Christentum sei eine Menge von Geboten und Verboten, Gesetzen, die man einhalten muss und dergleichen und insofern etwas Mühseliges und Belastendes. Man sei freier, wenn man diese Last nicht habe. Ich möchte demgegenüber deutlich machen: sozusagen von einer großen Liebe und Erkenntnis getragen zu sein, ist nicht etwa ein Gepäck, sondern sind Flügel, und es ist schön, ein Christ zu sein, mit dieser Erfahrung, dass es uns das Weite gibt, dass uns das auch eine große Gemeinschaft gibt, dass wir als Christen eben nie allein sind – in dem Sinn, dass immer Gott bei uns ist, aber auch, dass wir immer miteinander in einer großen Gemeinschaft stehen, Weggemeinschaft sind, ein Projekt der Zukunft haben und damit eben wirklich ein Dasein, das sich lohnt – die Freude am Christsein, dass es schön und auch richtig ist, zu glauben. […] [Die Kirche] ist zunächst junge – sagen wir – in dem biologischen Sinn, dass ihr sehr viele junge Menschen angehören. Sie ist aber auch in dem Sinne jung, dass ihr Glaube sozusagen aus dem frischen Quell Gottes selber kommt, von daher wo das wirklich Neue und Erneuernde da ist. Das ist nicht eine abgestandene Kost, die wir seit 2000 Jahren haben und die immer wieder aufgekocht wird, sondern Gott selbst ist der Quell aller Jugend und allen Lebens. Und wenn der Glaube eben eine Gabe ist, die von ihm her kommt sozusagen das frische Wasser, das uns immer wieder gegeben wird, mit dem wir dann leben können und das wir sozusagen als Kraft in die Wege der Welt einspeisen dürfen – dann ist eben Kirche eine verjüngende Kraft. […] Ich werde eine Begegnung mit unseren evangelischen Freunden haben, und wir werden leider wenig Zeit haben, weil das „Gepäck“ des Tages sehr groß ist, aber doch immerhin etwas Zeit haben, uns zu besinnen, wie es weitergehen soll. […] Das Wesentliche – so denke ich – ist[, dass] wir eben alle gerade in der Zentralität unseres Christseins und nicht nur in bestimmten Begegnungsaugenblicken immer die Einheit im Blick haben und insofern das, was wir gläubig tun, immer von innen her auch ökumenisch ist. […] Der Glaube und Gott scheinen sehr fern zu sein, das Leben selbst voller Möglichkeiten und Aufgaben. Man will das Leben zunächst selbst ergreifen, es soviel leben wie es nur geht. Ich denke dabei an den „verlorenen Sohn“, der auch dachte, im Vaterhaus sei es langweilig, er müsse das Leben so richtig ausschöpfen, an mich reißen und genießen, bis er dann merkt, das es richtig leer ist und dass er frei und groß war, als er im eigenen Vaterhaus lebte. Nun also denke ich: jedenfalls unter den jungen Menschen breitet sich doch aber auch die Empfindung aus, dass all diese Vergnügungen, die uns angeboten werden, und der ganze Freizeitbetrieb, all das, was man macht und machen kann, kaufen und verkaufen kann, nicht das Ganze sein kann, dass es irgendwie um mehr geht. Und insofern ist – denke ich – doch auch eine große Frage danach da, was denn nun das Eigentliche sei. Das alles, was wir da so haben und kaufen können, kann es nicht sein. Deswegen gibt es ja auch sozusagen den Markt der Religionen, der dann das auch gleichsam als Ware wieder anbietet und damit auch degradiert. Aber er ist ein Zeichen dafür, dass eine Frage da ist. Und diese Frage wirklich zu erkennen und nicht an ihr vorbeizureden, nicht Christentum als etwas nun Abgetanes und genügend Ausprobiertes zur Seite schieben zu lassen, sondern gerade als die – weil von Gott selbst herkommende und daher immer frische Möglichkeit, die auch immer neue Dimensionen in sich birgt und entbirgt, erkennen zu lassen – der Herr sagt ja: der Herr wird euch einführen in Dinge, die ich jetzt nicht sagen kann. Das Christentum ist voll unentdeckter Dimensionen und zeigt sich eben frisch und neu, wenn man seine Frage wieder wirklich von Grund auf stellt – sozusagen das Aufeinandertreffen der Frage, die da ist, und der Antwort, die wir leben und die wir sozusagen immer selbst durch die Frage hindurch erst neu empfangen – das sollte das Ereignis in der Begegnung zwischen Verkündigung und jungen Menschen sein. […] Ich glaube, diese Zivilisation mit all ihren Gefahren und ihren Hoffnungen kann nur gebändigt und zu ihrer Größe geführt werden, wenn sie die eigenen Kraftquellen wieder erkennt, wenn wir das Große wieder sehen, das dann dieser gefährdeten Möglichkeit des Menschseins seine Richtung und seine Größe gibt. Wenn wir wieder Freude daran haben, das wir in diesem Kontinent leben, der das Weltgeschick bestimmt hat – im Guten und im Bösen – und dass wir damit gerade einen bleibenden Auftrag haben, wieder das Wahre, das Reine und das Große und Zukunftgebende zu entdecken und damit weiterhin und auf eine neue und wohl bessere Weise im Dienst der ganzen Menschheit zu stehen. […] Wir haben in Deutschland immer noch große christliche Institutionen. Es geschieht viel Christliches, aber es gibt auch eine sehr große Müdigkeit und wir sind so sehr mit Strukturfragen beschäftigt, dass der Schwund und die Freude des Glaubens fehlen. Wenn dieser Schwung, das Frohsein, dass wir Christus kennen, wieder neu aufleben würde und der Kirche in Deutschland und auch Europa eine neue Dynamik gäbe, dann denke ich, wäre das Ziel des Weltjugendtages erreicht. […] – (Quelle: Radio Vatikan)

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