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Rheinisches Jerusalem

Köln zelebriert das rheinische Jerusalem und schwelgt im frommen AusnahmezustandRund 800 000 Jugendliche sollen zum Weltjugendtag kommen. Aber schon jetzt darf zumindest einer jubeln – der Papst – […] In der Tat: Die rheinische Metropole ist fromm geschminkt für den beginnenden Weltjugendtag der Katholiken – ein 800 000-Seelen-Happening voller Andachten, Predigten und Musikfestivals. Dennoch wollen ketzerische Fragen nicht verstummen: ob das 100-Millionen-Euro-Spektakel (finanziert aus Steuern, Spenden und Kirchenbeiträgen) nicht gewaltige Geldverbrennung sei? Ob sich dieses spirituelle Strohfeuer überhaupt lohne? Aus Kirchensicht kann die Antwort allerdings nur lauten: Und ob das lohnt. – Denn schon jetzt hat die Kirche das entscheidende Instrument für erfolgreiche Missionszüge erobert: die Öffentlichkeit. Wer von ihr getragen wird, das wußte der Soziologe Max Weber schon 1910, dessen Anliegen sind von potenzierter Wirkmacht. Und die großen Zahnräder der Öffentlichkeit in Gang zu setzen, ihre verstärkende Kraft zu nutzen – darauf versteht sich die Papstkirche. […] 1987, beim letzten Papstbesuch in Köln, war es noch anders. Tausende “AbtreibungsfreundInnen”, Schwule und Linksradikale gingen auf Kölns Straßen, wünschten den Papst auf Spruchbändern zur Hölle und provozierten, indem sie sich als Priester mit Plastikgenitalien verkleideten. Aber auch in Medien und Meinungsumfragen überwog Kritik am “Reaktionär aus Rom”. – Heute dagegen will sich einfach keine Volksfront gegen den Papst bilden. Das im “Heidenspaß-Komitee” versammelte Häufchen antikirchlicher Aktivisten klagt bereits, in Köln lasse sich keine breite Front organisieren. Dabei versuche der Jugendtag doch, so warnt das Komitee beschwörend, die “christliche Ethik als Leitkultur zu vermitteln”. Daß Nächstenliebe als Leitkultur nun nicht gerade die größte denkbare Katastrophe wäre, scheint aber sogar den Grünen im Stadtrat aufgegangen zu sein: Sie stimmten dafür, den Jugendtag mit 1,5 Millionen Euro zu fördern. – Aber nicht nur die außerkirchliche Gegner-Front bröckelt, auch die innerkirchliche liegt darnieder. So klagt die Reformbewegung “Wir sind Kirche”, die Besucher des Jugendtags seien kaum interessiert, ihren Glauben kritisch in Frage zu stellen oder gesellschaftliche Probleme zu diskutieren. Sogar Kritik am Papst stellten sie zurück, um die Gemeinschaft im Glauben zu genießen! […] – (Quelle: WamS.de)

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