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WJT kritisch (Norbert Copray)

Kritischer, vielleicht zu kritischer (?) Kurzkommentar von Norbert Copray zum WJT im gerade verschickten, online leider nicht auffindbaren Newsletter von PUBLIK-FORUM:

Weltjugendtag 2005 in Köln – Warum jetzt alle Papst werden

»Wir sind Papst!« Eine Schlagzeile ist zum Slogan geworden und enthält mehr Wahrheit, als viele auf den ersten Blick vermuten. Mit dem »Wir sind Papst!«-Button an der Kleidung demonstrierten Hunderttausende junge Menschen in Köln beim Weltjugendtag, dass sie gewillt sind, die Ressourcen der Religionen und Kirchen zu nutzen, um sich daraus ihre eigene, ganz persönliche Religiosität zu basteln. Was der Papst für sich in Anspruch nimmt, nämlich im Umgang mit Bibel, Tradition, Vernunft und modernen Herausforderungen seinen eigenen Glauben zu gestalten, das nimmt nunmehr auch die überwiegende Mehrheit junger Menschen gerade auch der katholischen Kirche für sich in Anspruch. Das Papst-Prinzip wird populär und popularisiert, symbolisiert in der Papst-Funktion und in der Papst-Figur und in der Popularität des Papstes. Insofern spielte es eine untergeordnete Rolle, dass der Papst Joseph Ratzinger war. Es hätte auch jeder andere Kardinal als Papst nach Deutschland kommen können. Die Begeisterung wäre keine andere gewesen. Denn gewissermaßen feiern die jungen Leute im Papst sich selbst: Ihr religiöses Erwachsenwerden, ihre religiöse Souveränität.

Dieser Prozess findet seit Anfang der 70ziger Jahre statt. Aber im Gegensatz dazu sehen sich die jungen Menschen, die den Papst bejubeln und seinen Lehren nicht folgen, nicht als Anhänger einer Doppelmoral an. Caroline, eine Pilgerin, formuliert es in einer »heute«-Sendung des ZDF so: »Die Lehren der Kirche sind für mich wie ein Buffet, von dem ich mir aussuche, was mir liegt«. Das Puzzle- und Bastelprinzip, Ende der 80ziger Jahre offenkundig geworden, ist inzwischen Allgemeinprinzip. Und darin liegt eine große Chance, nämlich die Aussöhnung zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Religion und Konfession. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Junge Menschen glauben mehrheitlich an eine göttliche Kraft, sie setzen Werte wie Liebe, Freundschaft und Frieden an die Spitze ihrer Werte, und sie suchen nach einer Orientierung, die in prekären Lebenssituationen Halt gibt.

Der Weltjugendtag war geprägt von der Feier der katholischen Spiritualität. So viel Innerlichkeit war nie. Das hatte schon das Motto des Treffens »Wir sind gekommen, IHN anzubeten« vorgegeben, das der Legende über die drei Weisen aus dem Morgenlande im Evangelium entnommen war. Für experimentelle Spiritualität der jungen Menschen war wenig Platz. Die Weltjugendtag-Regie hatte alles im Griff. Spätestens bei der Predigt des Papstes auf dem Marienfeld am Sonntag fiel auf: Dieser Spiritualität fehlt die Aktion, fehlt die politische Dimension völlig. Die Handlungskomponente wurde begrenzt darauf, anderen den Glauben zu bringen, die Alten in der Gesellschaft nicht zu vergessen und sich den Leidenden zuzuwenden. Fragen nach gesellschaftlichen Strukturen wurden gar nicht mehr gestellt, von politischen Rahmenbedingungen, die hier wie in armen Ländern erst Armut ermöglichen, Alte an den Rand der Gesellschaft drängen und Leiden verursachen, ganz zu schweigen. Und erst recht war nicht die Rede davon, dass zu einer christlichen Spiritualität auch das »Tun aus dem Geist« gehört, das auch gesellschaftlich-politische Verhältnisse in den Blick nimmt und hier den Hebel ansetzt. So wird die Spiritualität unglaubwürdig und zum Selbstbeglückungsereignis.

Mehrheitlich fanden sich junge Erwachsene zwischen 17 und 35 in Köln ein. Eine Altersgruppe, die im normalen Gemeindealltag fast keine Rolle spielt, wenn nicht einige davon bereits Eltern sind. Und eine Gruppe, für deren Pastoral meist kein Geld da ist. Ihre konkrete Lebenssituation spielte auf dem Weltjugendtag offiziell keine Rolle, schon gar nicht in den Ansprachen des Papstes. Von der inneren Zerrissenheit, von der Notwendigkeit, mit prekären Ausbildungs- und Arbeitsverhältnissen zu Recht zu kommen, kein Wort. Der Sehnsucht nach Spiritualität wurde mit der katholischen Tradition entsprochen. Woher sie konkret kommt, kein Wort dazu. Gott hat sie ausgelöst. So einfach, so simpel kann Glaube sein. Zukunftsfähig ist das nicht. (nc)

Es stellt sich mir die Frage, wie man den nur andeutungsweise gestellten Erwartungen von Copray auch nur annähernd hätte gerecht werden können – zumal ohne sich den Vorwurf der Anbiederung einzuhandeln. Ich bin überzeugt, dass in unzähligen Gesprächen auch die Lebenssituation der Jugendlichen zur Sprache gekommen ist – warum scheint es uns Deutschen nur so schwer zu fallen, eine großartige Veranstaltung zunächst einmal in ihrem positiven Gehalt wahrzunehmen und zu würdigen?

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