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Fastenhirtenbrief 2007

Der Fastenhirtenbrief des Fuldaer Bischofs Heinz Josef Algermissen widmet sich in diesem Jahr dem Thema Familie und steht unter dem Motto: “Ein Segen sollt ihr sein!”. Der Oberhirte betont darin die Leistungen der Familie in der Gesellschaft, zeigt ihre Probleme auf und macht deutlich, daß die Weitergabe des Glaubens eine besondere Aufgabe der Familie ist.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! – Vor gut 25 Jahren, am 22. November 1981, veröffentlichte Papst Johannes Paul II. sein A-postolisches Schreiben FAMILIARIS CONSORTIO „Über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute“. Die Lage der Familien ist, so schrieb der Hl. Vater damals, von „Licht und Schatten“ gekennzeichnet, sie weist positive und negative Aspekte auf. „Die einen sind Zeichen für das in der Welt wirksame Heil in Christus, die anderen für die Ablehnung, mit der der Mensch der Liebe Gottes begegnet“. (FAM. CONS., 6).

I. Die Situation – Und wie ist die Situation heute, ein Vierteljahrhundert nach dieser Botschaft? Im Vergleich zu damals hat die Familie in der Öffentlichkeit einen erkennbar anderen Stellenwert. Noch nie stand die Familie so sehr im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, noch nie war in Politik und Gesellschaft so viel von ihr die Rede. Davon, dass Familie in der modernen säkularen Gesellschaft ein „Auslaufmodell“ ohne Zukunft sei, spricht heute keiner mehr. Umfra-gen unter jungen Menschen zeigen immer wieder, dass für sie eine stabile Partnerschaft und die Gründung einer Familie einen hohen Stellenwert einnehmen und zu einem erfüllten Leben zählen. Junge Menschen erfahren heute vielleicht noch deutlicher als in früheren Zeiten, dass Ehe und Familie einen unersetzbaren Lebensraum bieten, in dem sich der Einzelne nicht durch seine Fähigkeiten und Leistungen beweisen muss, sondern so angenommen und geliebt wird, wie er ist. In dieser gegenseitigen und vorbehaltlosen Liebe drückt sich auch die Liebe Gottes zu uns Menschen aus. Und so dürfen wir einen Teil dieser Liebe bereits heute erfahren. Denn „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4, 16).

II. Die Leistungen der Familien – Getragen von dieser gegenseitigen, vorbehaltlosen Verbundenheit erbringen Familien auch heute noch vielfältige Leistungen, ohne die unsere Gesellschaft nicht existieren könnte. Eltern verzichten auf Einkommen und Freizeit, um ihren Kindern eine optimale Betreuung und Erziehung zukommen zu lassen. Sie begleiten ihre Kinder unter Inkaufnahme erheblicher persönlicher Einschränkungen durch Schule und Berufsausbildung. – Eheleute stehen einander in Krisensituationen bei, in Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Sie gehen dabei teilweise bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit, und nicht selten sogar darüber hinaus. – Unsere Gesellschaft nimmt diesen Einsatz für den Anderen wie selbstverständlich hin; er ist aber nicht selbstverständlich, und deshalb gebührt allen Familien Dank und Anerkennung durch Kirche und Gesellschaft.

III. Probleme der Familie – Auch in der heutigen Zeit verbreiten die Familien also viel Licht. Aber auch die Schattensei-ten sind unübersehbar. Ich habe einleitend davon gesprochen, dass die Familie verstärkt Aufmerksamkeit durch Politik und Medien erfährt. So erfreulich und begrüßenswert dieser öffentliche Stimmungswandel zugunsten der Familie ist, so besorgniserregend ist andererseits die Tatsache, dass die Form des Zusammenlebens der Eltern dabei weitgehend aus dem Blickfeld geraten ist. Für die katholische Kirche bilden Ehe und Familie eine unauflösliche Einheit. In der intakten, auf gegenseitiger Liebe und Respekt beruhenden Ehe finden Kinder den Ort, in dem sie zu gefestigten und selbstverantwortlichen Persönlichkeiten heranreifen können. Zwar kann und darf die Kirche ihre Augen nicht für die besonderen Belastungen verschließen, die getrennt Lebende und Alleinerziehende zu bewältigen haben. Mit Nachdruck fordert der Papst dazu auf, den Geschiedenen und Wiederverheirateten in ihrer Lebens- und Glaubenssituation beizustehen und sie am Leben der Gemeinde zu beteiligen. Aber dies darf nicht dazu führen, den Stellenwert der auf Dauer geschlossenen Ehe zu relativieren oder gar in Frage zu stellen. – Ein weiterer Grund zur Sorge ist die Tatsache, dass sich viele junge Menschen bewusst gegen die Gründung einer Familie entscheiden. Sie sehen in der Elternschaft nicht mehr die höchste Sinnerfüllung ihres Lebens. Andere Werte wie der Wunsch nach Selbstverwirklichung und individueller Freiheit treten gleichrangig hinzu. In unserer heutigen Gesellschaft sind es vor allem die Schwierigkeiten, Familie und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren, die zahlreiche junge Menschen davon abhalten, eine Familie zu gründen. Viele Ältere stehen dem verständnislos gegenüber, da sie doch selbst unter wesentlich schwierigeren Bedingungen und weitgehend ohne staatliche Hilfen Familien gegründet und Kinder erzogen haben. Aber wir alle müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich die Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt grundlegend geändert haben. Die Belastungen, die Familien tragen, sind heute andere als früher. Auf diese veränderte Situation müssen sich Kirche und Gesellschaft einstellen. Es ist auch Aufgabe unserer Kirchengemeinden, junge Menschen unterstützend zu begleiten, damit sie sich in der Lage sehen, den vorhandenen Kinderwunsch tatsächlich zu realisieren. Dabei muss aber stets die auf die Ehe gegründete Familie im Zentrum unserer Bemühungen stehen.

IV. Die Weitergabe des Glaubens – eine besondere Aufgabe der Familie – Die Familien sind die Keimzelle jeder Gesellschaft, und damit auch der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Nur in einer Familie, in der der Glaube einen festen Stellenwert hat, können junge Menschen in einem gefestigten Glauben heranwachsen, ihn leben und später selbst weitergeben. Die Erziehung zu Glaube und Gebet hat Johannes Paul II. als eine „priesterliche Aufgabe“ bezeichnet, zu der die Familie berufen ist (FAM. CONS., 55). Der Glaube bietet eine Fülle an Riten und Bräuchen an, die gerade auf die Bedürfnisse von Kindern eingehen. Das Gefühl der Geborgenheit in Gott nach dem Abendgebet, das Zusammengehörigkeitsgefühl beim gemeinsamen Kirchgang und die gemeinsame Freude auf die hohen kirchlichen Feste sind Erfahrungen, die den Menschen tief prägen und den Glauben im jungen Menschen verwurzeln. – Viele, gerade junge Eltern fühlen sich mit dieser Aufgabe überfordert. Sei es, dass sie selbst in ihrer Kindheit diese Glaubenserfahrung nicht machen konnten oder dass sie sich in ihrer Jugend vom kirchlichen Leben entfernt und erst wieder durch die kirchliche Heirat und die Geburt und Taufe ihres Kindes zurückgefunden haben. Für sie stellen die Gemeinden zahlreiche Angebote bereit, von Kinder- und Jugendgottesdiensten über Kinderbibelwochen bis hin zu speziellen Beratungsangeboten. Ich darf alle Eltern einladen, diese Angebote wahrzunehmen. Aber auch für die Familien stellen sich hier neue Aufgaben. Ich denke vor allem an die Großeltern, die den reichen Schatz der christlichen Bräuche und Riten aus ihrer eigenen Kindheit noch kennen. Ihnen kann in der Glaubensvermittlung an die Enkelgeneration eine neue, persönlich bereichernde Aufgabe zufallen.

Ehe und Familie gehören zu den kostbarsten Gütern der Menschheit. Wir alle sind dazu auf-gerufen, dieses hohe Gut im christlichen Verständnis zu leben, weiterzugeben und sich für dessen Erhalt mit allem Nachdruck einzusetzen. – Dazu segne Sie auf die Fürsprache der Gottesmutter und des Hl. Bonifatius der dreifaltige Gott: der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Ihr Heinz Josef Algermissen, Bischof von Fulda

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