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Seelsorgesignal Sinus-Studie

sinusDie Kirche von heute muss sich ändern, damit es morgen noch Kirche gibt, die Pfarrgemeinden müssen sich ändern, damit es noch Gemeinden gibt. Dagmar Denker vom bischöflichen Seelsorgeamt hat Pfarrgemeinderäte des Pastoralverbundes Florenberg-St.-Pius mit der aktuellen „Milieu-Studie“ des Forschungsinstitutes Sinus vertraut gemacht und die Bedeutung für die Gemeindearbeit erklärt.

Was bewegt die Menschen in unseren Dörfern und Städten? Wer wohnt dort und wie richten sich die verschiedenen Gruppen ihr Leben ein? Die Sinus-Sozial-Studie hat zehn verschiedene „Milieus“ entwickelt, verteilt auf drei „Grundorientierungen“. Gefragt wurde dabei auch nach religiösen Einstellungen und Vorstellungen, nach Stellung in oder zu der Kirche. Ein Ergebnis: Nur zwei dieser Milieus beschreiben Lebensstile, in denen sich die Menschen an der Kirche orientieren, in der Studie als die „Traditionsverwurzelten“ und die „Konservativen“ bezeichnet. Die Menschen dieser Gruppen entstammen zu weiten Teilen der Nachkriegsgeneration. Provokant formuliert: In den nächsten zwei Jahrzehnten bricht der Kirche das Rückgrat weg.

Die Sinus-Studie ist nicht nur inhaltlich genau, sie zeichnet die Milieus bis hinunter in die einzelnen Gemeinden mit relativ hoher Verlässlichkeit nach. Erfasst sind dabei allerdings alle Haushaltsvorstände eines Ortes, nicht nur die Katholiken. Die Pfarrgemeinderäte konnten im Versuch „ihre“ Gemeinde nach den Sinus-Gruppen nun selbst beschreiben. Der Vergleich mit der Wirklichkeit war für manche brutal: Obwohl die Gemeinderäte täglich vor Ort unterwegs sind, nah dran an den Menschen – sie haben das Umfeld völlig falsch eingeschätzt. Beispiel Künzell, Pfarrei St. Antonius: Zu den zweitgrößen Milieus nach den „Traditionsverwurzelten“ gehören in Künzell nicht nur die unterdurchschnittlich vertretene „Bürgerliche Mitte.“ Genauso stark sind die sogenannten Hedonisten und – deutlich über dem Bundesschnitt – die Etablierten.

Was bedeuten diese Zahlen und Milieuzuordnungen für die Gemeindearbeit? Da wundert sich mancher engagierte Kirchenmann, warum so wenige Leute ein bestimmtes Angebot nutzen. „Alle sind herzlich eingeladen“ – dieses Schreiben ist im Verständnis eines Vertreters des Milieus der „Etablierten“ keine Einladung, sondern eine ausgesprochene Ausladung. Menschen dieser Gruppe sehen sich als Führungspersönlichkeiten: Große Werte sind für sie Erfolg und Anerkennung, und das schließt eine gewisse Exklusivität ein: Man tut, was andere nicht tun. Wenn also „alle“ eingeladen sind, dann fühlen sich die „Etablierten“ gerade nicht angesprochen. Und genau diese Gruppe ist in Künzell mit 14 Prozent besonders stark. Im Bundesschnitt werden nur 10 Prozent diesem Milieu zugeordnet. Noch ein Problem dieser Gruppe: „Etablierte“ stellen hohe Ansprüche an sich und an alle, mit denen sie zu tun haben, und damit auch an die Gemeinde. Der durchschnittliche Ortspfarrer, die gewöhnliche Gemeinde sind dieser Gruppe genau das: zu durchschnittlich, zu gewöhnlich. Schlussfolgerung für die Pfarrgemeinderäte: Wer diese Gruppe für die Kirche gewinnen will, der wird mit dem „gewöhnlichen“ Angebot keine Erfolge erzielen.

Die Sinus-Studie mit ihren für den eigenen Ort überraschenden Ergebnissen war zunächst ein Schock für die Pfarrgemeinderäte. Andererseits bietet die Erhebung der Kirche in Künzell, in Pilgerzell, in St. Pius und am Bachrain auch die Möglichkeit, nun gezielter auf die Menschen zuzugehen. Und dabei macht die Milieu-Studie auch Mut: Auch in den modernen Lebensstilen zeigen die Menschen häufig eine grundsätzliche Sympathie für „Kirche“, allerdings nicht unbedingt für „die Kirche“, wie sie sich derzeit in den Gemeinden zeigt. Über die verschiedenen Milieus hinweg sind die meisten Menschen auf der Suche nach einem Sinn. Bislang finden sie bei der Kirche keine Antwort. Mehr noch: Selbst in unserer ländlichen Region fragen viele schon gar nicht mehr bei der Kirche nach. Diese Wirklichkeit stellt die Sinus-Studie schonungslos dar. Sie zeigt aber auch: Die Kirche kann hier Hilfe sein, wenn sie sich ändert.

Für die Pfarrgemeinden ist dies eine doppelte Herausforderung, zugleich aber auch Chance: Durch den „Pastoralen Prozess“ ändern sich die Strukturen in den Gemeinden derzeit sowieso. Rund um den Florenberg ist zusammen mit St. Pius ein neuer Pastoralverbund entstanden. Nun stellt sich zu der Frage des äußeren Wandels – weniger Pfarrer, mehr Zusammenarbeit über die Pfarreigrenzen hinweg – auch die Frage des inneren Wandels: Was ist das Ziel der Kirche? Wozu bin ich als Pfarrgemeinderat künftig gefragt und wozu nicht? Wie müssen wir heute die inhaltlichen Weichen stellen, damit morgen in dem Kirchenzug der Ortsgemeinde noch jemand an Bord ist? Eine Gewissheit allerdings konnten die Laien und Priester des Pastoralverbundes auch mit nach Hause nehmen: Nach zwei Jahrtausenden wird Gott seine Kirche auch wegen der Sinus-Studie nicht aufgeben.

Text: Hermann Diel

Anmerkung: Informationen zur Sinus-Studie bietet Milieus-Kirche.de

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