Bericht: Glaubensseminar 2008

Auf den Spuren unseres Kirchenpatrons –
Hat der heilige Antonius von Padua uns heute noch etwas zu sagen?

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Liebe Mitchristen,

wissen Sie eigentlich, wie unsere Sankt-Antonius-Kirche zu ihrem Namen gekommen ist? Es wäre doch interessant zu erfahren, warum ausgerechnet dieser Namenspatron für unsere Kirche gewählt wurde. – Ehrlich gesagt, ich wusste bisher über die Lebensgeschichte des Antonius von Padua nur sehr wenig. – Er steht so lange schon, einfach und unauffällig, auf dem Sockel in der Kirche – gleich rechts neben dem Eingang. Er trägt einen Franziskanerhabit und hat das Jesuskind auf dem Arm. Und ich weiß, dass man ihn bitten kann Verlorenes wiederzufinden….aber das kann doch nicht alles sein – …oder? – Um über unseren Kirchenpatron ein bisschen mehr zu erfahren, haben wir uns im Rahmen unseres diesjährigen Glaubensseminars in der Fastenzeit auf den weiten Weg in die Vergangenheit gemacht. Drei erfahrene „Spurensucher“ navigierten uns durch die bewegte, so verlockungsreiche Zeit des Hochmittelalters, um mit uns die Geschichte des Antonius von Padua zu erkunden.

Prof. Dieter Wagner führte uns am ersten Abend zu den Wurzeln unseres Glaubensvaters vor über 800 Jahren. – Wir schreiben das Jahr 1195. In Portugals bedeutender Hafenstadt Lissabon wird Don Fernando, Spross einer wohlhabenden Adelsfamilie, geboren. In angesehenem Elternhause verbringt er eine unbeschwerte, glückliche Kindheit. Im Alter von 15 Jahren, in der für ihn sehr schwierigen Phase der Pubertät, tritt Don Fernando in den Orden der Augustinerchorherren ein, wählt den Weg vom Luxus in die Armut, vom Getöse in die Stille, vom Schein ins Sein, weil ihm die Oberflächlichkeit der gut situierten Gesellschaft keinen Halt gibt. – In der Ruhe des Klosterlebens widmet er sich voll Eifer der Theologie und wird zum Priester geweiht. Bald darauf wird aus dem Augustiner Don Fernando der Bettelmönch Antonius. Die Begegnung mit den ersten Märtyrern des Franziskanerordens, die von Marokko in die Heimat zurückgebracht werden, bewegt ihn so sehr, dass er mit 25 Jahren die Ordensgemeinschaft wechselt. Er tauscht das weiße Gewand der Augustinerchorherren gegen das aschgraue Gewand der Franziskaner um ein Zeichen gegen die Verstrickung von Politik und Kirche zu setzen. Von nun an lebt er wie sein Vorbild Franz von Assisi ganz in der Nachfolge Jesu Christi ohne die Lehre der Kirche zu untergraben. – Auch im Orden der Minderbrüder, den Franziskanern, lebt Antonius vorerst im Hintergrund. Er verrichtet einfache Arbeiten als Küchenjunge, erledigt demütig die kleinen und großen Pflichten des Alltags. – Der noch unentdeckte Prediger bildet sich weiter durch intensive Studien der heiligen Schrift. Sein phänomenales Gedächtnis verhilft ihm zu einem sehr weiten geistigen Horizont. Körperlich hingegen – ist er bereits in jungen Jahren durch Gicht und Asthma sehr eingeschränkt; an Wassersucht erkrankt. – Während einer Priesterweihe wird Antonius von seinen Mitbrüdern beauftragt die Festpredigt zu halten für die kein anderer vorbereitet ist. Jetzt ist sie da – die Stunde seiner Berufung. Nachdem er zögerlich beginnt zieht er seine Zuhörer mehr und mehr in seinen Bann. Er verkündet das Wort Gottes auf so bildhafte, gottverbundene und menschennahe Weise, dass die Ordensleute ins Staunen geraten. Seine verborgenen Talente kommen zu Tage. – Um 1220 tritt er dem Beispiel der franziskanischen Märtyrer folgend, die beschwerliche Missionsreise nach Marokko an. Wie sie, möchte er die Irrgläubigen bekehren und ist bereit für seinen Glauben zu sterben. Doch ausgerechnet in der Lebensphase, in der er seine Berufung mit Händen greifen kann, erfüllt sich an Don Fernando das Wort Gottes, von dem es in der Schrift heißt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege. … So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken“ (Jes 55,8-9). Aufgrund seiner körperlichen Leiden und einer schweren Malariaerkrankung muss er sein Vorhaben abbrechen und Marokko verlassen. Wie niederschmetternd muss diese Wendung seines Lebens für ihn gewesen sein – ich denke, wir können mit ihm fühlen. Auch wir wissen, wie es ist, wenn Lebensträume zerplatzen, Wünsche und Hoffnungen nicht in Erfüllung gehen. – Und doch können wir in dem Augenblick seiner tiefsten geistigen und körperlichen Niedergeschlagenheit von ihm lernen ….ein gescheiteter Missionar auf dem Weg zurück in die Heimat…..im Gepäck „nur“ sein Gottvertrauen.

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Am zweiten Abend nahm uns Hildegard Lubnow an die Hand um uns auf sehr einfühlsame Weise durch die Zeit-Epoche von 1222 – 1224 zu führen, in der Antonius zu Fuß von Sizilien nach Portiunkula, durch ganz Oberitalien bis nach Südfrankreich zieht um den Menschen seiner Heimat durch Wort und Tat die Liebe Gottes zu verkünden. Unter schweren körperlichen Leiden predigt, meditiert und betet er mit, für und unter den Leuten des Volkes. In seiner Einfachheit ist er einer von Ihnen. Er versteht es zu tadeln, zu trösten und zu ermutigen. In seiner Naturverbundenheit spricht er zu Ihnen – vom Nussbaum aus – über die Schöpfung und ihren Schöpfer. In einer seiner Predigten sagte er: „Wenn die Schönheit der Geschöpfe schon so groß ist, wie groß ist dann die Schönheit des Schöpfers“. Nachts wandern die Menschen in großen Scharen zu den Plätzen, auf denen der Bettelmönch am anderen Morgen predigen soll. Um Andersdenkende und Irrgläubige zum Glauben zu führen, wählt Antonius manchmal außergewöhnliche Wege. So wird berichtet, dass er in Rimini zu den Fischen des Meeres sprach, weil die Bewohner dieser pulsierenden Stadt den einfachen Prediger nicht hören wollten. Als die Fische seinen Worten lauschten, wurden auch die Menschen aufmerksam. – Eine weitere Legende besagt, dass es ihm gelang, einen Ketzer über einen hungrigen Esel zum Glauben zu führen. – Der Wanderprediger redet den Menschen ins Gewissen, dabei benennt Antonius Schuld, Habsucht und Egoismus ohne Beschönigung beim Namen. So steht geschrieben, dass er bei einer Begräbnisfeier für einen Geizhals predigte „Wo Euer Schatz ist, da ist Euer Herz“ und als man nachsah, war das Herz jenes geizigen Mannes tatsächlich in seiner Schatztruhe zu finden.- Bleibt zu hoffen, dass es uns nicht ähnlich ergeht; und Gott unser Herz am Ende unsres Lebens am „rechten Fleck“ vorfindet. Bis dahin können wir aus dem Leben des Franziskanermönchs sicher ein paar Impulse für das eigene Leben schöpfen. Er lehrt uns zuzuhören, geduldig zu sein, dem Schöpfer für die Schönheit seiner Schöpfung zu danken, zu teilen und zu beten – vor allen Dingen aber lehrt er uns eins – Gott zu vertrauen.

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Am dritten und letzten Abend unseres Glaubensseminars berichtete uns Pfarrer Liebig von den großen seelsorgerischen Fähigkeiten unseres Kirchenpatrons. In Antonius verbinden sich Glaube und Liebe. Seine innere Haltung ist mit der äußeren Handlung im Einklang. In seiner Beharrlichkeit im Glauben und seiner tiefen Liebe zu Gott und den Menschen gelingt es ihm auch persönliche Schicksalsschläge zu meistern und sein Leben immer wieder auf Gott hin auszurichten. Mit seiner ganzen Kraft stellt er sich demütig in den Dienst Gottes und in den Dienst am Nächsten. Das spüren die Menschen um ihn herum. Sein immerwährendes Gebet befähigt ihn menschliche Not zu sehen und den Ruf Gottes zu hören. – Beten ist hören – Beten ist sprechen. Antonius wählt für das Zwiegespräch mit Gott oft einen Nussbaum, vielleicht, weil er sich in der Natur mit dem Schöpfer besonders verbunden fühlt. Habe ich einen Ort um mit Gott ins Gespräch zu kommen? – Die Frucht des Gebetes mündet im Sakrament der Versöhnung, das Geschenk Gottes an uns Menschen. Unzählige nehmen dieses Geschenk durch die Hand des Seelsorgers Antonius gerne an. Es ist befreiend mit jemandem über die eigene Schuld sprechen zu können. Ob damals oder heute – Sprächen wir öfter miteinander über unsere Sorgen und Nöte, über Schuld und Versagen, so könnten wir einander wahrscheinlich viel besser verstehen. – Im Sakrament der Versöhnung schenkt uns Gott die Gnade, uns mit der eigenen Lebensgeschichte auszusöhnen und den ersten Schritt auf die Brücke der Vergebung zu wagen. Am Ende dieser Brücke wartet die Freiheit die dazu befähigt, mich selbst anzunehmen und dem Anderen die Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken. – Am 13. Juni 1231, mit nur 36 Jahren, stirbt Antonius auf dem Weg nach Padua an den Folgen seiner schweren körperlichen Leiden nach unermüdlichem Einsatz für Gott und die Menschen. Auf Druck des Volkes wird er elf Monate später durch Papst Gregor dem IX. heilig gesprochen. – Nach der intensiven, sehr lehrreichen Zeit mit unserem Kirchenpatron Antonius von Padua führte uns Pfarrer Liebig zurück nach Künzell in das Jahr 2008.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht….doch rückblickend betrachtet, ist mir der Mann auf dem Sockel in diesen Tagen sehr nahe gekommen. Wer ihn auch immer für unsere Kirche als Namenspatron bestimmt hat, ich denke, er hat eine gute Wahl getroffen und wir können dankbar für unseren kleinen, so großen Bettelmönch sein. – Und wenn meine Lebenspläne mal wieder durcheinandergewirbelt werden, weiß ich, an wem ich mich orientieren kann.

Katja Schmidt