Anschreiben 12/2009

Liebe Pfarrgemeinde!

‚Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.’ (Lukas 2,7)… Dieser Vers ist uns allen sehr wohl bekannt und wir stellen uns das auch sehr idyllisch vor.

War das aber wirklich so? Ein kleines Kind kommt in einem schmutzigen Stall zur Welt, die Elternschaft ist reichlich ungeklärt, und gleich nach der Geburt muss die Familie die Flucht ergreifen, um nicht umgebracht zu werden. … Und was bitte schön, soll das damit zu tun haben, was wir heutzutage an Weihnachten feiern? Oder müsste ich richtiger sagen: was wir daraus gemacht haben?

Möchte uns Gott ganz nahe kommen, dann ist da nicht nur Lachen, Freude, Glücklich-Sein. Menschliches Leben ist mehr, viel mehr! Dazu gehört auch Weinen, Angst und Hoffnungslosigkeit. – Eben der Schmutz im Stall – und der Tod.

Wenn Gott zur Welt kommt, dann kommt er nicht nur in die nette, schöne und heile Welt, die wir in den vier Wochen des vor uns liegenden Advents inszenieren, sondern er kommt auch in diese dunkle Welt, in der Menschen keinen Ausweg mehr wissen. Er kommt zu den Menschen, die einsam und von Angst besetzt sind, die nicht wissen, wie sie die nächste Miete bezahlen sollen oder wann sie die nächste warme Mahlzeit bekommen. Dann kommt er zu den Menschen, deren Träume gescheitert sind, die keinen Ausbildungsplatz finden, deren Diagnose heißt: ‚Nicht mehr heilbar’.

Gott kann die Dunkelheiten nicht wegnehmen, aber er begibt sich selbst mit hinein in diese Dunkelheiten unseres Lebens, und zwar als Kind in der Krippe. Er sagt uns: ‚Ich liebe euch so sehr, dass ich euch nicht alleine lasse!’

Ich lade Sie ein, sich in den vier Wochen des Advents 2009 auf diese Wahrheiten einmal neu zu besinnen und dabei zu erkennen: ‚Eigentlich ist Advent und Weihnachten ganz anders – auch in deinem Leben’.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Adventszeit und ein gnadenreiches Weihnachtsfest.

Ihr Pfarrer Rudolf Liebig