“In schwerer Bedrängnis”:Wort von
Bischof Heinz Josef Algermissen zu den
Missbrauchsfällen in der katholischen
Kirche (Ausgabe/Verlesung: Palmsonntag 2010)

“Mit lauter Stimme schreie ich zum Herrn, laut flehe ich zum Herrn um Gnade. Ich schütte vor ihm meine Klagen aus, eröffne ihm meine Not.” (Ps 142, Verse 2 + 3).

Noch nie habe ich diesen Hilferuf in schwerer Bedrängnis so bewusst gebetet wie in den Wochen dieser österlichen Bußzeit, hat er doch einen sehr realen Sitz im Leben. Die lawinenartigen Enthüllungen über sexuellen Missbrauch auch in katholischen Schulen und Einrichtungen erschüttert das Selbstverständnis der Kirche und das Vertrauen auf sie. Was da an Gemeinheiten und Abgründen ans Licht kam, ist entsetzlich und ruft in mir Ekel und Abscheu hervor. Die Kirche muss alles in ihrer Macht Stehende tun, damit es in ihr zu einer inneren Reinigung kommt und zukünftig Kinder und Jugendliche besser geschützt werden. Das Leiden der Opfer darf nicht umsonst gewesen sein!

Ganz sicher ist es jedoch für den Akt der Reinigung wichtig, zu differenzieren sowie der Wahrheit, die frei macht (vgl. Joh 8, 32), eine Chance zu geben. Vielleicht helfen folgende Fakten ein wenig weiter:

Fast alle jetzt bekanntgewordenen Fälle liegen Jahrzehnte zurück. Damals hat die Gesellschaft allgemein die seelisch zerstörerischen Folgen für die Opfer unterschätzt. Kirche und weltliche Institutionen handelten gleich: schweigen, für einige Zeit aus dem Verkehr ziehen, dann versetzen. Das war selbstverständlich nie eine Lösung.

Wir wissen von 14.000 bis 15.000 Missbrauchsfällen pro Jahr, die durch einen Strafbefehl geahndet werden, weit über 200.000 seit 1995, von der Dunkelziffer ganz zu schweigen. Vieles spielt sich in der Verwandtschaft ab, anderes in pädagogischen Einrichtungen, Sportvereinen. Fachleute sagen, sexueller Missbrauch komme in der katholischen Kirche wegen der strengen Sexualmoral deutlich seltener vor als sonstwo. Der Kriminologe Christian Pfeiffer stellt fest, dem Zölibat die Schuld an sexuellem Missbrauch zu geben, sei ebenso grundfalsch, wie Priester generell unter Verdacht zu stellen. Sportlehrer, Trainer, Nachbarn oder “der liebe Onkel” könnten genauso eine Gefahr darstellen.

Das bittere Thema muss nun seit Wochen dazu herhalten, Abneigung gegen die Kirche zu schüren. Sogar die Bundesjustizministerin stellte wider besseres Wissen die Behauptung auf, die Kirche wolle nicht hinreichend aufklären. Und da ist auch noch die Scheinheiligkeit bestimmter Medien, die die Kirche als “Sündenbock” (vgl. Levitikus 16, 8-10) brauchen, um eine grundsätzliche gesellschaftliche Debatte über Gründe und Hintergründe zu umgehen. Mich ärgert die Verlogenheit mancher Fernsehsender, die breit und mitunter genüsslich über Missbrauchsfälle in der Kirche berichten und gleich danach in Filmen sexuelle Perversionen aller Art zur Unterhaltung anbieten.

Bei all den mitunter diffusen Meldungen und Stimmen der letzten Wochen will ich das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren: Das Leid der Opfer verdient eine konsequente und völlig transparente Aufklärung. Die Kirche braucht Läuterung und Buße, gründliche Reinigung, auf dass neues Vertrauen möglich wird. Bei alledem muss das Jesus-Wort im Markus-Evangelium wie ein Spiegel sein: “Wer einen von diesen Kleinen… zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.” (Mk 9, 42).