Anschreiben 11/2011

Liebe Schwestern und Brüder!

Kürzlich sah ich auf einem Friedhof einen Grabstein, der eine Schlucht mit einer Brücke zeigte, die sich darüber spannt. – An einer Brücke stehen Menschen. Jemand geht über die Brücke; er ist schon ein Stück von den anderen entfernt, die hinter ihm hergrüßen. Eine Abschiedszeremonie.

Brücken enden nicht im Nichts. Sie verbinden das eine Ufer mit dem gegenüberliegenden. Den Fluss, den Abgrund, die Schlucht kann man nur überwinden, indem man die Brücke betritt. – Wofür steht in diesem Bild nun die Brücke? Ich denke: Es gibt ein Land der Lebenden und ein Land der Toten. Und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe. Das einzig Bleibende. Der einzige Sinn, wenn wir uns an das erinnern, was zwischen unseren Verstorbenen und uns gewesen ist, was wir einander zu Lebzeiten gegeben und voneinander empfangen haben. Dann entsteht eine Brücke des Geistes, die uns weiterhin mit unseren Verstorbenen verbindet. Denn Liebe vergeht nicht!

So hat das Symbol der Brücke eine doppelte Bedeutung: Wir stellen uns vor, dass unsere Erinnerungen eine Brücke zwischen uns und den Toten bilden. Aber kann die Brücke nicht auch für den Tod selbst stehen? Die Welt Gottes, die Welt, in der die Toten lebendig sind, erreichen wir nur über diese Brücke.

Der Monat November erinnert uns mit seinen Tagen Allerheiligen, Allerseelen, dem Totensonntag und dem Volkstrauertag an diese Gegebenheiten. Unsere Auferstehungsfreude lässt uns unseren Weg in diesem Monat mit einer großen Hoffnung gehen, was ich Ihnen von Herzen wünschen möchte.

Ihr Pfarrer
Rudolf Liebig