Anschreiben 12/2011

Liebe Pfarrgemeinde!

Für die meisten Menschen ist der Advent einfach die Zeit vor Weihnachten. Das sind die Wochen vom 1. Adventssonntag bis zum Heiligen Abend, eine Zeit mit Plätzchen und Einkaufen, Stress, Weihnachtpost, Adventskranz und… ‚Wir sagen euch an’ …

Das stimmt alles – und doch ist Advent mehr als eine Zeit, mehr als die Wochen vor Weihnachten, Advent – das ist eine Einstellung zum Leben, eine Haltung, und die gilt 365 Tage im Jahr. Advent – das ist sehnsüchtig sein nach mehr Leben und Lebendigkeit. Advent – das ist Ausschau halten, nach dem, was mehr als alles ist. Advent – das ist staunen können. Advent – das ist wach sein, hellwach und hinschauen auf mein Leben, auf diese Welt. Advent – das ist suchen und sich auf den Weg machen.

Und so können wir mit unserem neuen Jahresleitwort: “Mit Christus Wege finden, entfalten, vernetzen” uns auf diesen Weg in den Advent machen. Christus ist der Gesalbte, der absolut heile Gott und Mensch. Er ruft uns zu: ‚Mach doch die Augen auf … ich bin bei dir’. Er ist bei uns – trotz oder gerade – wegen unserer allzu menschlichen Gebrochenheit und nimmt uns mit auf den Weg seit unserer Taufe und Firmung.

Wenn wir das Bild zu unserem neuen Jahresleitwort anschauen, dann bemerken wir, dass die Beschaffenheit des Weges offen bleibt. Wenn aber Christus mit uns unterwegs ist, dann kann uns nichts geschehen, denn mit ihm ‚überspringen wir Mauern’. Wir dürfen auf diesem Weg mit ihm gehen – Wege unserer Sehnsucht. Allerdings nimmt er uns nicht die Entscheidung ab, nach welchen Kriterien wir welche Wegbiegungen nehmen.

Wenn wir uns auf diesen Weg machen, dann werden wir ihn finden und wir werden unsere eigenen Fähigkeiten immer mehr entdecken, einbringen, Verantwortung wahrnehmen und Stärken entwickeln. Auf diesem Weg wird er uns all unsere Ängste vor dem Ungewohnten nehmen. Es wird uns immer mehr ‚zufallen’ und wir werden das uns Zugefallene im Sinne der Entfaltung immer mehr ‚wert-schätzen und achten’.

Entfaltung bedeutet dann auch für einen Jeden von uns: ‚Du darfst etwas tun’. Du darfst deinen eigenen Stil in praktischer Zusammenarbeit bei unterschiedlichen Interessen einbringen oder auch zurücknehmen. Dann wird Gemeinde entstehen.

Die Gemeinde wird uns dann auch zeigen: ‚Du bist nicht allein’. Du bist in einem Netz der je unterschiedlichen Gemeindeglieder geborgen. Ist doch „vernetzen“ etwas Aktives. Ich weiß, wer den Knoten macht, wo er ihn macht und ich stimme dem Knoten zu! In einem Netz hat man Kommunikationsmöglichkeiten und man kann von nun ab etwas gemeinsam tun. Und eines dürfen wir nicht vergessen: Im Netz habe ich die ‚Verbindung durch den Faden nach oben’.

Ein solcher Weg wird uns frei machen und zu einer neuen Liebe befähigen. Unser neues Jahresleitwort fordert heraus. Ja – wir geben uns nicht zufrieden mit dem, was ist, sondern wir strecken uns aus nach dem, was noch nicht ist und was sein könnte. Alle Zeichen und Symbole, die ursprünglich mit dem Advent verbunden sind, wollen darauf hindeuten – und die Lieder des Advents sind Lieder der Hoffnung und der Sehnsucht.

Dumm wären wir, diese Sehnsucht nach Leben auf einige Wochen im Jahr zu begrenzen, die zudem noch oft genug geprägt sind von Umtrieb und Hektik. Adventlich wollen wir leben, deshalb soll unser Jahrsleitwort 366 Tage gelten im Jahr 2011/2012. So brauchen wir auf diesem Weg die Zeichen, die biblischen Texte der Verheißung, das Licht der Kerzen, die Lieder des Advents, um uns zu erinnern – an das, was sein könnte.

Wir brauchen den Advent, um adventlich leben zu können – 366 Tage im Jahr.

Rufen wir es uns zu im Advent und im neuen Jahr 2012: Mit Christus Wege finden – entfalten – vernetzen.

So wünsche ich Ihnen zusammen mit meinen Mitarbeiterinnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest 2011.

Ihr Pfarrer
Rudolf Liebig