Anschreiben 10/2012

Liebe Pfarrgemeinde!

Der Monat Oktober ist der Monat der Weinlese in unseren Weinbergen. Und da kam mir der Gedanke, dass der Weinberg ein altes Bild für das Volk Israel ist. Und wir dürfen diesen Gedanken auch ruhig auf uns und unser Leben übertragen, denn wir, Sie, Du und ich sind wie ein Weinberg, den der Winzer mit liebenden Augen anschaut. Und was hat er nicht alles für den Weinberg getan – wie viel Liebe, wie viel Arbeit hineingesteckt: den Weinberg angelegt, gehegt, gepflanzt, geschnitten, gejätet und einen Wachturm mitten hinein gebaut.

Aber der Weinberg dankt all diese Mühe, diese Liebe schlecht. Und so kann das Bild vom Weinberg durchaus dazu einladen, sich selbstkritisch zu fragen: was habe ich aus meinem Leben gemacht? Was habe ich aus dem gemacht, was mir geschenkt worden ist? Was habe ich aus dem gemacht, was in mir an Fähigkeiten und Talenten grundgelegt ist?

Vorsicht! – Auch hier gilt es, nicht ins Leistungsdenken zu verfallen, das uns so vertraut ist. Ich darf gute und schlechte Jahre haben, ich darf der Norm nicht entsprechen, ich darf Dellen davongetragen haben und braune Flecken, es darf Brachzeiten und Zeiten des Blühens geben – aber die Frage bleibt: Habe ich aus meinem Leben das gemacht, was unter den gegebenen Umständen und mit den gegebenen Möglichkeiten möglich gewesen wäre? Wie bin ich mit dem ‚Geschmack meines Lebens‘ umgegangen?

Ich wünsche Ihnen bei all unseren Fragen, die wir in unserem Leben haben, einen schönen und gesegneten Oktober.

Ihr Pfarrer
Rudolf Liebig