Anschreiben 12/2012

Liebe Pfarrgemeinde!

Zum Beginn des neuen Kirchenjahres am 1. Advent freue ich mich, Ihnen unser neues Jahresleitwort vorstellen zu können. Es wird uns wiederum das ganze Jahr begleiten und soll uns herausfordern, manche Veränderungen im Sinne eines ‚neuen Lebensaufbruches‘ in die Zukunft hinein zuzulassen.

So haben sich die Pfarrgemeinderäte St. Antonius und St. Pius nach Vorarbeit des Liturgieausschusses für das herausfordernde Leitwort “Den neuen Aufbruch wagen” entschieden.Schließlich spüren wir, dass es zurzeit einen inneren Auszug zahlreicher Menschen nicht mehr nur aus den Randbereichen, sondern vor allem aus der Herzmitte unserer Pfarrgemeinden gibt, der sich bei uns zunächst weniger in Kirchenaustritten zeigt, als vielmehr im sonntäglichen Gottesdienstbesuch.

So spüren wir, dass ein neuer Aufbruch nötig ist, auch wenn es nicht immer leicht fällt, weil damit nicht nur der Beginn eines kurzen Ausfluges, sondern vielmehr der Anfang eines neuen Lebensabschnittes in der Pfarrgemeinde gemeint ist?

Wer von uns stellt sich schon mit reiner Freude der Notwendigkeit eines solchen Aufbruches? Bedeutet doch Aufbruch auch, dass ich Gewohntes – selbst aus Jahrzehnten der Vergangenheit – hinter mir lasse, um mich neuen Herausforderungen meines Alltages besser stellen zu können. Und wenn wir uns dem stellen, dann geht es zunächst auch um das Loslassen von Altem. Sicher wird das der jüngeren Generation leichter fallen als der älteren. Loslassen ist aber nötig, möchte ich Neues erschließen und in Unbekanntes aufbrechen. Aufbrechen kann ich aber nur dann, wenn ich tastend einen Dialog wage. Ist es doch gerade in unserer Kirche nötig im Dialog Neues zu beginnen.

Wie das Loslassen und der Dialog geht, zeigt uns das Wort aus dem Alten wie dem Neuen Testament. Am Anfang der Vätergeschichten Israels steht Gottes unmissverständliche Auffor-derung an Abram zum Aufbruch (Genesis 12). Wer daran glaubt, dass Gott seither nicht mehr aufgehört hat, mit uns im Dialog zu sein und sich uns durch die Zeichen der Zeit mitteilt, uns ‚durch die Wirklichkeit umarmt‘, der beginnt zu ahnen, was mit dem ‚neuen Aufbruch‘ gemeint sein könnte. Es ist die Aufforderung Jesu an den Fischer Petrus und die anderen Jünger, nach anstrengendem, aber ergebnislosem Abmühen noch einmal auf die ‚hohe See‘ hinauszufahren und nun bei Tag die Netze auszuwerfen (Lukas 5,4). Eine Verheißung auf reichen Fang wird dabei nicht ausgesprochen. Die Jünger sollen allein seinem Wort vertrauen. – Petrus und die anderen Jünger stehen dabei für die heutige Kirche und unsere Pfarrgemeinden. Sie sollten sich trauen, allein auf SEIN Wort hin aufzubrechen und auf die ‚hohe See‘ hinauszufahren, dorthin, wo es nichts mehr vom bisher Tragenden gibt und jedes Absicherungsdenken an seine Grenzen kommt. Dorthin, wo sich die Frageperspektive ändert. Nicht mehr: wo wollen wir hin mit all unseren Seelsorgsplanungen und mittelfristigen Absicherungsstrategien, und mancher Maßnahme, die eine Art gesicherte Zukunft als Alternative zum Aufbruch anbietet? Sondern wie leben wir in der unmittelbaren Gegenwart unserer Pfarrgemeinden St. Antonius und St. Pius und wo will Jesus mit uns als Kirche und Pfarrgemeinde hin? Das bedeutet, dass wir auch nach dem Wirken Gottes und seines Heiligen Geistes im Alltag fragen und dies zu unserer Lebensgrundlage und Lebensperspektive machen! – Der ehrlichen Bestandsaufnahme ‚wir haben uns die ganze Nacht geplagt und nichts gefangen‘ folgt das Wagnis zum neuen Aufbruch (Lukas 5,5), der schließlich im Erleben eines völlig unerwarteten, überreichen Fischfangs in der Berufung der ersten Jünger mündet.

Aus heutiger Perspektive lässt sich das dahingehend deuten, dass im Wagnis des neuen Aufbruchs eine Begegnung mit Menschen stattfindet, die bislang bestenfalls am Rande unseres kirchlichen Wahrnehmungsfeldes standen oder auch mit Menschen, die gar nicht unserer Religionsgemeinschaft angehören, sich aber immer wieder dem Wagnis des Aufbruchs stellen, Menschen, die Neues in ihrem Leben einfach ausprobieren.

Lassen Sie uns also diesen Aufbruch im neuen Kirchenjahr wagen. Es wird sich lohnen.

So wünsche ich Ihnen zusammen mit meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes neues Kirchenjahr, das getragen ist von einem solchen Aufbruch.

Ihr Pfarrer
Rudolf Liebig