Anschreiben 2013/10

Liebe Pfarrgemeinde!

Erntedank feiern wir in diesen Tagen – da kommt mir ein reifer Apfel in den Sinn. Um heutzutage ein richtiger Apfel zu sein, da muss man schon ganz schön was leisten. Die Zeiten sind vorbei, wo man so einfach vor sich hin wachsen konnte. Heute ist man nur dann ein richtiger Apfel, wenn man die richtige Leistung bringt, die europäische Norm erfüllt, die eine Größe von 75 bis 85 Millimeter vorsieht, man hat gefälligst die richtige Farbe aufzuweisen. Und ‚schön‘ muss man natürlich auch noch sein. Und dann steht man dann als Käufer im Lebensmittelgeschäft: Und tatsächlich, ein Apfel sieht wie der andere aus, schön, nett – nur, schmecken tun sie oft nicht mehr, diese DIN-Äpfel.

Und es geht heute nicht nur den Äpfeln so: Überall in unserer Gesellschaft ist Leistung gefragt. Überall geht es um die Erfüllung von Standards, um die Einhaltung von Normen. Geht es doch heute fast in jedem Beruf um ‚Qualitätssicherung‘.

So fordert Jesus uns auch auf, ‚Frucht zu bringen‘ (Johannes 15,16). Diese Aufforderung versteht nur der richtig, der einen Blick in die Natur wirft. Denn um Frucht zu bringen bedarf es vorher einer langen Zeit des Wachsens. – Und so steht da die Frage: ‚Wie bist du mit deinem Leben umgegangen? Hast du das, was dir anvertraut worden ist in rechter Weise eingesetzt‘? Gott möchte dabei nicht unsere Leistung sondern er möchte die Frucht unseres Seins, er möchte nicht unsere makellose Schönheit sondern liebt uns gerade wegen unserer Dellen und braunen Flecken und all dem, womit wir eben nicht der DIN-Norm entsprechen.

Und genau das feiern wir an Erntedank. Ich bin mir sicher, dass wir nicht irgendwelchen DIN-Normen entsprechen müssen sondern dass wir Geschmack haben dürfen an dieser Welt, Geschmack sein dürfen in dieser Welt, Salz sein dürfen und sollen – und dass all das, was uns geschenkt wird, zugleich Herausforderung ist, die Herausforderung zum Leben. Und manchmal sind es eben auch unbequeme Fragen, die zum Leben herausfordern.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein Gesegnetes Erntedankfest und einen gesegneten Ernte- und Herbstmonat Oktober.

Ihr Pfarrer
Rudolf Liebig