Anschreiben 2014/05

Liebe Pfarrgemeinde!

Der Monat Mai ist auch der “Monat der Liebenden” und zugleich der “Marienmonat”. Maria hat im Laufe der Geschichte viele Beinamen bekommen: “Mutter Gottes, Pforte des Himmels, Königin aller Heiligen, Mutter der Barmherzigkeit, Heil der Kranken, Trost der Betrübten…” – In diesen Namen, die wir Menschen Maria verliehen haben, spiegelt sich immer etwas von unserer Situation, von unseren Hoffnungen, von unseren Träumen wider – möge Maria unsere Hilfe, unsere Zuflucht, unser Trost sein.

Manchmal tut es gut, sich an Maria zu wenden, an Maria, die Mensch und Frau und Mutter war – manchmal ist es ein bisschen leichter, sich an sie zu wenden als an den großen allmächtigen Gott, der sich unserem Verstehen und Begreifen entzieht: Warum lässt Gott all das Leid zu? Warum gerade ich?

Auch Maria wird oft genug diesen Gott nicht verstanden haben, oft genug hat sie ihren eigenen Sohn nicht verstanden, stand wohl fassungslos vor dem, was ihr da geschieht. “Wie soll das geschehen?” – “Musstest du uns das antun?” – und schließlich die Stunde, als Jesus am Kreuz stirbt – da mag sie auch Gott und die Welt nicht mehr verstanden haben. Aber – sie bleibt dabei…

Und genau hier spiegelt Maria auch unsere Situation wider. Gott entzieht sich unserem Begreifen – und muss sich unserem Begreifen entziehen, wenn er denn wirklich Gott ist. Was wäre das für ein Gott, den ich verstehen und begreifen könnte? Ein Gott, den ich verstehe, den ich begreife, der müsste in mein Denken hineinpassen – und so ein Gott wäre dann kleiner als ich. Und was wäre das für ein Gott, der kleiner ist als ich? Als Gott anerkennen kann ich den, der größer ist als ich. Seine Unbegreiflichkeit ist ein Wesensmerkmal Gottes.

Und gilt das nicht auch für die Liebe zu einem Menschen? Dass er, sie sich oft genug meinem Verstehen entzieht. Dass da ein Geheimnis ist, das ich nicht auflösen kann und darf? Dass es da etwas ganz Eigenes, ja Intimes gibt, in das auch ich nicht vordringen darf?

Und weil Maria versteht und dabei bleibt, dürfen auch wir uns im Maimonat auf den Weg machen und ihr in den zahlreichen Maiandachten – zu denen wir Sie einladen – manches Nichtverstehen, manche Nöte bringen.

Lernen wir von ihr, durch alles Nichtverstehen hindurch, zu glauben und uns hinzugeben in dem Sinne: “Das ist die Frau, die liebt”…

So wünsche ich Ihnen einen gesegneten Maimonat.
Ihr Pfarrer Rudolf Liebig